
Der VIX ist das bekannteste Maß für Risiko an den Aktienmärkten und wird oft als Angstbarometer bezeichnet. Die Federal Reserve hält fest, dass sein Informationsgehalt häufig missverstanden wird. Dieser Beitrag erklärt, was der VIX tatsächlich misst, warum er meist höher liegt als die Schwankung, die danach eintritt, und wie sich aus seinem Verhältnis zum VIX3M akuter Stress ablesen lässt.
Was der VIX misst
Formal ist der VIX die risikoneutrale Erwartung der Volatilität des S&P 500 über die nächsten 30 Tage, berechnet aus Optionspreisen. Volatilität ist die Schwankungsbreite der Renditen, gemessen als Standardabweichung. Angegeben wird der VIX als auf das Jahr hochgerechnete Volatilität in Prozent.
Ein VIX von 20 heißt also nicht, dass der S&P 500 in einem Jahr um 20 Prozent steigt oder fällt. Auf 30 Tage umgerechnet entspricht er grob einer Standardabweichung von rund 5,7 Prozent. Das ist eine Schwankungsbreite und keine Prognose der Richtung.
Was er nicht zeigt
Risikoneutral bedeutet, dass im VIX neben der erwarteten Schwankung auch der Preis für die Absicherung steckt. Tobias Adrian und Hyun Song Shin zerlegen Veränderungen des VIX deshalb in zwei Teile: die realisierte Volatilität und die Volatilitätsrisikoprämie, also den Abstand zwischen impliziter und realisierter Volatilität.
Wegen seines Horizonts von 30 Tagen bildet der VIX Erwartungen für längere Zeiträume kaum ab. Die Federal Reserve nennt diesen kurzen Horizont als möglichen Grund dafür, dass der VIX Anfang 2017 niedrig war, obwohl die politische Unsicherheit als hoch wahrgenommen wurde.
VIX gegen die tatsächliche Volatilität
Wie groß die Prämie im Alltag ist, zeigt ein Vergleich des VIX mit der Volatilität, die in den jeweils folgenden 21 Handelstagen tatsächlich eingetreten ist. Von Januar 2018 bis September 2026 lag der VIX im Durchschnitt bei 19,6, die anschließend realisierte Volatilität bei 16,1. An 82 Prozent der Tage lag der VIX über der Volatilität der folgenden 21 Handelstage, im Median um 4,6 Punkte.
Die Ausnahme sind Schocks. Am 20. Februar 2020 stand der VIX bei 15,6, die Volatilität der folgenden vier Wochen lag bei rund 85 Prozent. Der VIX zeigt, was Absicherung gerade kostet, aber er sagt einen Schock nicht voraus.
VIX und realisierte Volatilität
Der VIX liegt meist darüber
Ruhe vor dem Sturm
Auffällig ist, wie niedrig der VIX vor den großen Stressphasen der letzten Jahre lag. Vor den Schocks im Februar 2018, Februar 2020 und August 2024 lag er in den Wochen davor deutlich unter seinem langjährigen Median. Lange Ruhe ist damit eine häufige, aber keine notwendige Vorbedingung. Warum ruhige Phasen das Risiko großer Abbauten erhöhen, erklärt der Beitrag Was sind Risk Flows?.
Die Laufzeitstruktur: VIX zu VIX3M
Ein öffentlich verfügbares Maß dafür, wie stark der Optionsmarkt kurzfristige Risiken bewertet, ist das Verhältnis des VIX zum VIX3M, dem Volatilitätsindex der Cboe für drei Monate. In ruhigen Phasen liegt der VIX normalerweise darunter, weil die Märkte erwarten, dass eine niedrige Volatilität auf längere Sicht zu ihrem Durchschnitt zurückkehrt, und weil längere Absicherung meist eine höhere Prämie enthält. Von Januar 2018 bis Oktober 2026 lag das Verhältnis im Median bei 0,89. Nur an 8,3 Prozent der Handelstage lag der VIX über dem VIX3M.
VIX zu VIX3M
Über 1 heißt akuter Stress
Steigt das Verhältnis über 1, bewertet der Optionsmarkt die Schwankung der nächsten 30 Tage höher als die der nächsten drei Monate. Das ist ein Zeichen akuten Stresses. Wie lange diese Inversion anhielt, unterscheidet die Episoden deutlich: Im August 2024 war sie nach wenigen Tagen vorbei, im Frühjahr 2020 dauerte es bis in den Juni, bis der VIX dauerhaft unter den VIX3M zurückkehrte.
Die Rückkehr des VIX unter den VIX3M ist ein einfaches Maß für das Nachlassen akuten Stresses. Je länger die Inversion, desto länger bleiben Strategien, die ihr Risiko an der Volatilität ausrichten, nach ihrer Regel vorsichtig. Auch das ist ein Hinweis auf Bedingungen, keine Vorhersage.
Vorsicht bei vorbörslichen Werten
Am 5. August 2024 stieg der VIX vor Eröffnung des US-Kassamarkts um 180 Prozent auf fast 66. Nach der BIS war das Handelsvolumen vorbörslich mehr als 80-mal geringer als im regulären Handel, und der VIX beruht auf Kursstellungen statt auf Geschäften. Market Maker weiteten die Spannen vor allem bei Puts aus dem Geld aus, die 86 Prozent des Anstiegs ausmachten. Mit Handelsbeginn kehrte die Liquidität zurück, und der VIX schloss bei 38,6. Vorbörsliche VIX-Werte sagen deshalb oft mehr über die Liquidität aus als über die tatsächliche Risikoeinschätzung.
VIX im August 2024
Vorbörslich fast 66, zum Schluss 38,6
Was das für ES und NQ bedeutet
Die Tagesveränderungen von S&P 500 und VIX sind von 2018 bis 2026 mit −0,79 korreliert. Ein schnell steigender VIX zeigt, dass Absicherung teurer wird und viele Teilnehmer gleichzeitig Schutz suchen. Für Strategien, die ihr Risiko an der Volatilität ausrichten, ist genau das der Auslöser, Positionen zu verkleinern. Wer den VIX im Zusammenhang mit Anleihen, Gold und Yen liest, kann besser einschätzen, ob ein breiter Wechsel der Risikobereitschaft vorliegt. Mehr dazu im Beitrag Risk-on und Risk-off.
Zusammengefasst
Der VIX ist die aus Optionspreisen abgeleitete, risikoneutrale Erwartung der Volatilität des S&P 500 über 30 Tage, angegeben als Jahreswert. Er enthält neben der erwarteten Schwankung den Preis für Absicherung und liegt deshalb an den meisten Tagen über der Volatilität, die danach eintritt. Schocks sagt er nicht voraus, vor den großen Stressphasen lag er oft ungewöhnlich niedrig. Ein Verhältnis von VIX zu VIX3M über 1 zeigt akuten Stress, und die Rückkehr unter 1 zeigt, dass er nachlässt. Vorbörsliche Werte sind mit Vorsicht zu lesen.
Quellen: Datta, Londono u. a., Taxonomy of Global Risk, Uncertainty, and Volatility Measures, Federal Reserve Board, IFDP 1216 (2017); Adrian und Shin, Liquidity and Leverage, Journal of Financial Intermediation (2010); Todorov und Vilkov, Anatomy of the VIX spike in August 2024, BIS Bulletin Nr. 95 (2024); Federal Reserve Bank of St. Louis, FRED: SP500, VIXCLS, VXVCLS, eigene Berechnung. Dieser Beitrag dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken.


