Trading Journal Kennzahlen: Win-Rate, Profit Factor und Co. erklärt
Welche Zahlen in deinem Journal wirklich etwas über dein Trading aussagen, wie du sie berechnest und wo die typischen Denkfehler liegen.

Ein Journal ist nur so nützlich wie die Auswertung, die du daraus ziehst. Wer seine Trades sauber dokumentiert, sammelt Daten. Erst die richtigen Trading Journal Kennzahlen machen daraus Erkenntnisse.
In diesem Beitrag gehen wir die wichtigsten Kennzahlen durch: Was sie messen, wie du sie berechnest, was sie aussagen und wo sie dich in die Irre führen können. Alle Zahlen in den Rechenbeispielen sind bewusst rund und frei erfunden. Sie dienen nur zur Veranschaulichung.
Falls du noch am Anfang stehst, lies zuerst, wie du ein Trading Journal führen kannst. Kennzahlen setzen voraus, dass die Daten vollständig und ehrlich erfasst sind.
Win-Rate: wie oft du gewinnst
Die Win-Rate (Trefferquote) gibt an, welcher Anteil deiner Trades mit Gewinn geschlossen wurde.
Formel in Worten: Win-Rate = Anzahl Gewinn-Trades / Anzahl aller Trades × 100 %.
Beispiel: Du hast 50 Trades gemacht, davon 20 mit Gewinn. Deine Win-Rate liegt bei 20 / 50 = 40 %.
Interpretation: Die Win-Rate zeigt, wie häufig deine Einstiege aufgehen. Sie sagt aber nichts darüber, wie viel du gewinnst oder verlierst.
Typische Fehlinterpretation: „Hohe Win-Rate = gutes Trading.“ Eine Strategie mit vielen kleinen Gewinnen und wenigen großen Verlusten kann trotz hoher Trefferquote Geld verlieren. Umgekehrt kann eine niedrige Win-Rate völlig in Ordnung sein, wenn die Gewinner deutlich größer sind als die Verlierer.
Ø Gewinn, Ø Verlust und Payoff-Ratio
Hier geht es um die Größe deiner Gewinne und Verluste.
Formeln in Worten:
- Ø Gewinn = Summe aller Gewinne / Anzahl Gewinn-Trades
- Ø Verlust = Summe aller Verluste / Anzahl Verlust-Trades
- Payoff-Ratio = Ø Gewinn / Ø Verlust (Verlust als positiver Betrag)
Beispiel: Deine 20 Gewinner bringen zusammen 4.000 $, also Ø 200 $. Deine 30 Verlierer kosten zusammen 3.000 $, also Ø 100 $. Die Payoff-Ratio beträgt 200 / 100 = 2.
Interpretation: Eine Payoff-Ratio von 2 bedeutet, dass ein durchschnittlicher Gewinner doppelt so groß ist wie ein durchschnittlicher Verlierer.
Typische Fehlinterpretation: Durchschnitte verbergen Ausreißer. Ein einziger sehr großer Gewinn kann den Ø Gewinn stark anheben, obwohl die meisten Gewinner klein sind. Schau deshalb auch auf den größten Gewinn und den größten Verlust und frag dich, wie dein Ergebnis ohne diese Ausreißer aussähe.
Win-Rate und Payoff-Ratio gehören zusammen
Win-Rate und Payoff-Ratio stehen in einem direkten Zusammenhang. Je seltener du gewinnst, desto größer müssen deine Gewinner im Verhältnis zu den Verlierern sein, damit unterm Strich etwas übrig bleibt.
Die Grenze zur Gewinnschwelle lässt sich berechnen: Benötigte Win-Rate = 1 / (1 + Payoff-Ratio). Kosten wie Kommissionen sind hier noch nicht berücksichtigt.
Beispiel: Bei einer Payoff-Ratio von 2 liegt die Schwelle bei 1 / 3, also rund 33 %. Bei einer Payoff-Ratio von 1 brauchst du 50 %. Bei 0,5 brauchst du rund 67 %.
Das ist keine Empfehlung für eine bestimmte Kombination. Es zeigt nur: Keine der beiden Zahlen ist allein aussagekräftig.
Profit Factor: Gewinne gegen Verluste
Der Profit Factor fasst Win-Rate und Payoff in einer Zahl zusammen.
Formel in Worten: Profit Factor = Bruttogewinn / Bruttoverlust. Bruttogewinn ist die Summe aller Gewinn-Trades, Bruttoverlust die Summe aller Verlust-Trades als positiver Betrag.
Beispiel: Mit den Zahlen von oben: 4.000 $ Bruttogewinn / 3.000 $ Bruttoverlust = Profit Factor von rund 1,33.
Interpretation: Ein Wert über 1 bedeutet, dass die Gewinne in diesem Zeitraum die Verluste übertroffen haben. Ein Wert unter 1 bedeutet das Gegenteil.
Typische Fehlinterpretation: Ein hoher Profit Factor aus wenigen Trades ist kaum belastbar. Außerdem prüfe, ob deine Zahlen netto sind, also nach Kommissionen und Gebühren. Gerade bei Futures mit vielen kleinen Trades kann der Unterschied zwischen brutto und netto erheblich sein.
Erwartungswert in $ und in R
Der Erwartungswert beantwortet die Frage: Was hat ein durchschnittlicher Trade in der Vergangenheit gebracht?
Formel in Worten: Erwartungswert = (Win-Rate × Ø Gewinn) − (Verlustquote × Ø Verlust). Gleichwertig: Netto-Ergebnis / Anzahl Trades.
Beispiel: 40 % × 200 $ − 60 % × 100 $ = 80 $ − 60 $ = 20 $ pro Trade. Zur Kontrolle: 1.000 $ Netto-Ergebnis / 50 Trades = 20 $.
Interpretation: Ein positiver Erwartungswert heißt, dass deine Trades im betrachteten Zeitraum im Schnitt Gewinn gebracht haben. Er beschreibt die Vergangenheit, nicht die Zukunft.
Typische Fehlinterpretation: Ein Erwartungswert in Dollar hängt stark von der Positionsgröße ab. Wer im Laufe der Zeit mit mehr Kontrakten handelt, vergleicht Äpfel mit Birnen. Deshalb lohnt sich der Erwartungswert in R.
R-Multiple: Ergebnis im Verhältnis zum Risiko
Ein R-Multiple setzt das Ergebnis eines Trades ins Verhältnis zu dem Risiko, das du vorher festgelegt hast. 1 R ist der Betrag, den du verlierst, wenn dein Stop greift.
Formel in Worten: R-Multiple = Ergebnis des Trades / geplantes Risiko des Trades.
Beispiel: Du riskierst 100 $ bis zum Stop. Der Trade bringt 250 $. Das sind +2,5 R. Ein Verlust von 100 $ ist −1 R, ein Verlust von 150 $ wäre −1,5 R.
Voraussetzung: Ohne definiertes Risiko je Trade gibt es kein R.
Interpretation: Der Erwartungswert in R (Summe aller R / Anzahl Trades) ist unabhängig von der Positionsgröße und damit über längere Zeiträume und verschiedene Instrumente vergleichbar.
Typische Fehlinterpretation: Verluste von deutlich mehr als −1 R werden oft übersehen, weil sie im Dollar-Ergebnis untergehen. Sie zeigen aber, dass ein Stop verschoben oder ignoriert wurde, oder dass es Slippage gab.
Maximaler Drawdown: der tiefste Rückgang
Der Drawdown misst, wie weit dein Konto oder deine Equity-Kurve von einem vorherigen Höchststand gefallen ist.
Formel in Worten: Maximaler Drawdown = größter Abstand zwischen einem Höchststand der Equity und dem darauffolgenden Tiefststand. In Prozent: dieser Abstand / Höchststand × 100 %.
Beispiel: Dein Konto steigt auf 10.000 $, fällt dann auf 8.500 $ und erholt sich danach. Der maximale Drawdown beträgt 1.500 $ oder 15 %.
Interpretation: Der Drawdown zeigt, welche Durststrecken du aushalten musstest, finanziell und mental. Ergänzend sind der aktuelle Drawdown und die Zeit bis zur Erholung auf einen neuen Höchststand hilfreich.
Typische Fehlinterpretation: Der bisherige maximale Drawdown ist keine Obergrenze. Er ist nur der schlechteste Fall, der bisher eingetreten ist. Ein künftiger Drawdown kann tiefer ausfallen, besonders bei kleiner Stichprobe.
Serien und Konstanz
Neben den Durchschnittswerten lohnt sich ein Blick darauf, wie sich die Ergebnisse verteilen.
Serien: Die längste Gewinn- und Verlustserie zeigt, wie viele Trades in Folge gleich ausgegangen sind. Auch bei einer Strategie mit positivem Erwartungswert sind längere Verlustserien statistisch normal.
Beispiel: Bei einer Win-Rate von 40 % ist die Wahrscheinlichkeit, dass fünf bestimmte Trades nacheinander verlieren, 0,6 hoch 5, also knapp 8 %. Über Hunderte von Trades wird eine solche Serie damit sehr wahrscheinlich irgendwann auftreten.
Konstanz: Die Standardabweichung der Tages-P&L zeigt, wie stark deine Tagesergebnisse schwanken.
Typische Fehlinterpretation: Eine Verlustserie heißt nicht automatisch, dass deine Methode nicht mehr funktioniert. Wichtig ist, ob du in den Serien deine Regeln eingehalten hast.
Disziplin-Kennzahlen: Regelquote und Risiko-Einhaltung
Die bisherigen Kennzahlen messen Ergebnisse. Disziplin-Kennzahlen messen dein Verhalten, und das hast du direkt in der Hand.
Regelquote: Anteil der Trades, bei denen du alle deine Regeln eingehalten hast. Formel in Worten: regelkonforme Trades / alle Trades × 100 %.
Beispiel: Von 50 Trades waren 40 regelkonform. Deine Regelquote liegt bei 80 %.
Risiko-Einhaltung: Anteil der Trades, bei denen das tatsächliche Risiko innerhalb deines geplanten Limits lag.
Interpretation: Spannend wird es, wenn du deine Ergebnisse nach Regelkonformität trennst. Vergleiche Profit Factor oder Erwartungswert der regelkonformen Trades mit denen der Regelverstöße. Notizen zu Emotionen und Auslösern aus deinem Trading Tagebuch helfen dir, die Ursachen zu erkennen.
Typische Fehlinterpretation: Eine hohe Regelquote garantiert kein positives Ergebnis. Sie sagt nur, dass deine Zahlen tatsächlich deine Methode abbilden und nicht zufällige Abweichungen davon.
Stichprobengröße: Wie viele Trades brauchst du?
Alle Kennzahlen sind nur so verlässlich wie die Datenbasis. Bei 10 oder 20 Trades können wenige Ausreißer Win-Rate, Profit Factor und Erwartungswert stark verzerren.
Beispiel: Du hast 10 Trades, davon 6 Gewinner. Ein einziger Trade mehr oder weniger in die andere Richtung verschiebt die Win-Rate um 10 Prozentpunkte.
Es gibt keine feste Zahl, ab der Kennzahlen „sicher“ sind. Grundsätzlich gilt: Je mehr Trades unter vergleichbaren Bedingungen und mit gleichen Regeln, desto aussagekräftiger. Wenn du deine Strategie änderst, beginnt im Grunde eine neue Stichprobe. Trenne deshalb Auswertungen nach Setup, Instrument und Richtung (Long/Short), sobald genug Daten vorliegen.
Welche Kennzahlen du wöchentlich anschauen solltest
Ein schlanker Wochenrückblick könnte so aussehen:
- Netto-P&L und Anzahl Trades: Wie war die Woche, und wie viel hast du gehandelt?
- Regelquote und Risiko-Einhaltung: Hast du nach Plan gehandelt?
- Größter Verlust und Verluste über −1 R: Gab es Ausreißer, die nicht hätten sein dürfen?
- Aktueller Drawdown: Wo stehst du im Verhältnis zu deinem letzten Höchststand?
- Auffälligkeiten nach Emotion oder Regelverstoß: Welche Muster wiederholen sich?
Win-Rate, Profit Factor und Erwartungswert solltest du eher über längere Zeiträume betrachten, etwa monatlich oder alle paar Dutzend Trades. Auf Wochenbasis sind sie meist zu stark vom Zufall geprägt.
Kennzahlen automatisch berechnen lassen
Alle Werte von Hand zu pflegen, ist aufwendig. Das kostenlose Trading Journal von BECRO ist auf Deutsch und übernimmt deine Trades automatisch aus ATAS X. Wie das genau funktioniert, erfährst du im Beitrag zum ATAS Trading Journal.
Das Journal berechnet unter anderem Netto-P&L, Bruttogewinn und -verlust, Ø Gewinn und Verlust, Win-Rate, Profit Factor, Payoff-Ratio, Erwartungswert in $ pro Trade, maximalen Drawdown absolut und in Prozent, aktuellen Drawdown, Erholungstage, die Standardabweichung der Tages-P&L sowie aktuelle und längste Serien. Dazu kommen Regelquote, Risiko-Einhaltung und Auswertungen nach Long/Short und Instrument.
Wenn du dein Risiko je Trade hinterlegst, erhältst du zusätzlich eine R-Analyse mit Erwartungswert in R, Ø Gewinn und Verlust in R und einem Histogramm. Außerdem kannst du nach Gewinn- oder Verlust-Trade, Emotion und Regelverstoß auswerten. Probier das kostenlose Trading Journal einfach aus.
Fazit
Keine einzelne Kennzahl beschreibt dein Trading vollständig. Win-Rate und Payoff-Ratio gehören zusammen, der Profit Factor und der Erwartungswert fassen sie zusammen, R-Multiples machen Ergebnisse vergleichbar, und der Drawdown zeigt das Risiko. Disziplin-Kennzahlen verbinden all das mit deinem Verhalten.
Achte auf eine ausreichende Zahl an Trades, rechne netto und vergleiche Zeiträume nur, wenn die Regeln gleich geblieben sind.
Hinweis: Der Handel mit Futures birgt hohe Verlustrisiken bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals. Kennzahlen aus der Vergangenheit sind keine Garantie für künftige Ergebnisse. Dieser Beitrag dient nur der Information und ist keine Anlageberatung.


