GDP verstehen: Advance, Second und Third Estimate
Das US-Wachstum wird in drei Schritten veröffentlicht. Den Markt bewegt vor allem die erste Zahl, und auch die ist oft schon zum Teil eingepreist.

Was das GDP misst
Das Bruttoinlandsprodukt, international Gross Domestic Product (GDP), misst den Wert aller Waren und Dienstleistungen, die in einem Land innerhalb eines Zeitraums hergestellt werden. Es ist das umfassendste Maß für Wachstum und zeigt, ob eine Volkswirtschaft wächst, stagniert oder schrumpft.
Für die Märkte zählt dabei das reale GDP, also das Wachstum ohne Inflation. Und es zählt nicht das absolute Niveau, sondern die Veränderung und die Erwartung an die Zukunft.
Woraus es sich zusammensetzt
Berechnet wird das GDP über die Ausgaben: Konsum der Haushalte, Investitionen der Unternehmen, Ausgaben des Staates und Nettoexporte. In den USA trägt allein der Konsum rund zwei Drittel der Wirtschaftsleistung. Deshalb bewegen Daten zu Einkommen, Einzelhandel und Arbeitsmarkt die Märkte so stark: Sie zeigen früh, wohin sich das GDP entwickelt.

Professionelle Marktteilnehmer schauen bei jeder Veröffentlichung auf die Komponenten, nicht nur auf die Schlagzeile. Ein Plus, das vor allem aus Lageraufbau oder Staatsausgaben kommt, ist weniger nachhaltig als eines, das von Konsum und Investitionen getragen wird.
Vorsicht beim Vergleich
Die USA veröffentlichen das Quartalswachstum annualisiert, also auf ein ganzes Jahr hochgerechnet. Die Eurozone meldet das reine Quartalswachstum. Ein Plus von 0,5 Prozent im Quartal entspricht annualisiert rund 2 Prozent. Ohne Umrechnung wirkt das US-Wachstum fast viermal so hoch, wie es tatsächlich ist.

Drei Schätzungen für ein Quartal
Am Ende eines Quartals liegen noch längst nicht alle Daten vor. Das Bureau of Economic Analysis (BEA) veröffentlicht das US-GDP deshalb in drei Stufen.

Advance Estimate
Die erste Schätzung erscheint etwa vier Wochen nach Quartalsende. Viele Daten, etwa zu Außenhandel und Investitionen, sind noch unvollständig und werden hochgerechnet. Trotzdem ist sie für die Märkte die wichtigste der drei Zahlen, weil sie die neue Information liefert.
Second Estimate
Rund einen Monat später stehen mehr echte Daten zur Verfügung, frühere Annahmen werden angepasst. Die Reaktion fällt meist deutlich kleiner aus, weil der Großteil der Information schon eingepreist ist.
Third Estimate
Etwa drei Monate nach Quartalsende folgt die dritte Schätzung auf Basis nahezu vollständiger Daten. Sie ist die genaueste, liefert aber selten noch Überraschungen.
Kurz gesagt: Genauigkeit interessiert den Markt wenig, Neuheit schon.
Worauf es bei Revisionen ankommt
Spannender als eine einzelne Revision ist ihre Richtung über mehrere Veröffentlichungen. Werden die Zahlen immer wieder nach oben korrigiert, ist die Wirtschaft stärker als gedacht. Häufen sich Abwärtsrevisionen, verliert sie an Dynamik, oft bevor es die aktuellen Zahlen zeigen.
Die Überraschung wird kleiner: Nowcasts
Weil die offiziellen Zahlen so spät kommen, schätzen Modelle das laufende Quartal in Echtzeit. GDPNow der Atlanta Fed wird nach wichtigen Datenveröffentlichungen aktualisiert, der Staff Nowcast der New York Fed wöchentlich. Beide sind kostenlos.
Weil der Markt die Nowcasts kennt, ist ein Teil der Information schon eingepreist, wenn die Advance-Zahl erscheint. Entscheidend ist deshalb nicht nur der Vergleich mit der Analystenprognose, sondern auch mit dem letzten Nowcast.
Was das für ES und NQ bedeutet
Wachstum ist grundsätzlich gut für Aktien. Wie eine GDP-Zahl wirkt, hängt aber vom Umfeld ab. Starkes Wachstum bei kontrollierter Inflation stützt den Index. Starkes Wachstum bei hoher Inflation kann belasten, weil die Fed restriktiv bleiben muss. Schwaches Wachstum mit drohender Rezession setzt den Markt unter Druck.

Weil das GDP nur viermal im Jahr kommt, ist es selten der Auslöser einzelner Daytrades. Seine Stärke liegt im Rahmen, den es setzt. Wer die Daten der Wochen davor verfolgt, weiß meist schon, wohin die Reise geht.


