
Eine normale Kerze verrät nur Eröffnung, Hoch, Tief und Schluss. Wie viel auf welchem Preis gehandelt wurde und welche Seite dabei aggressiver war, bleibt verborgen. Der Footprint-Chart öffnet die Kerze und zeigt für jeden Preis, wie viel dort aktiv gekauft und aktiv verkauft wurde. Dieser Beitrag erklärt, wie man ihn liest, was Volumen und Delta bedeuten und woran man Imbalance und Iceberg Orders erkennt.
Woher die Zahlen kommen
Der Footprint fasst das Tape zusammen. Alle Trades einer Kerze, etwa einer Minute, werden nach Preis und Seite sortiert und addiert. Ein Beispiel aus Times & Sales:
| Zeit | Preis | Volumen | Seite |
|---|---|---|---|
| 15:30:02 | 6.012,50 | 4 | Ask |
| 15:30:02 | 6.012,50 | 1 | Ask |
| 15:30:03 | 6.012,25 | 7 | Bid |
| 15:30:03 | 6.012,50 | 26 | Ask |
| 15:30:04 | 6.012,25 | 2 | Bid |
Im Footprint stehen daraus auf 6.012,50 auf der Ask-Seite 31 Kontrakte, also 4 + 1 + 26, und auf 6.012,25 auf der Bid-Seite 9 Kontrakte, also 7 + 2. Was Times & Sales genau zeigt, erklärt der Beitrag Vom Trade zum Chart.
Eine Zeile lesen
Jede Preisstufe im Footprint zeigt zwei Zahlen nebeneinander, Bid × Ask. Steht auf einer Stufe 52 × 88, wurden dort 52 Kontrakte von aktiven Verkäufern auf dem Bid und 88 von aktiven Käufern auf dem Ask gehandelt. Ein Balken dahinter zeigt meist das Gesamtvolumen der Stufe, ein Rahmen markiert die Stufe mit dem meisten Volumen der Kerze, den sogenannten Point of Control (POC).
Footprint-Chart · ES
Zwei Kerzen von innen
Warum man schräg liest
Käufe und Verkäufe desselben Augenblicks stehen im Footprint nicht auf demselben Preis. Das liegt am Spread: Wer kauft, zahlt den Ask bei 6.012,50, wer verkauft, bekommt den Bid bei 6.012,25. Beide Seiten liegen also einen Tick auseinander. Deshalb wird im Footprint der Ask einer Stufe mit dem Bid der Stufe darunter verglichen und nicht einfach die beiden Zahlen nebeneinander. Was Bid, Ask und Spread bedeuten, erklärt der Beitrag Orderarten und Preisentstehung.
Footprint lesen
Schräg vergleichen
Volumen und Delta
Volumen zählt, wie viele Kontrakte gehandelt wurden, egal in welche Richtung. Es zeigt, wie viel Interesse an einem Preis oder in einem Zeitraum bestand.
Delta zeigt, welche Seite aggressiver war. Es ist das Ask-Volumen minus das Bid-Volumen. Ein positives Delta heißt, aktive Käufer waren in der Überzahl, ein negatives, aktive Verkäufer.
| Kennzahl | Formel | Beispiel aus dem Tape oben |
|---|---|---|
| Volumen | Ask-Volumen + Bid-Volumen | 31 + 9 = 40 |
| Delta | Ask-Volumen − Bid-Volumen | 31 − 9 = +22 |
Delta allein reicht aber nicht. Ein stark positives Delta ohne steigenden Preis heißt, dass die Käufer zwar aktiv waren, aber nichts bewegt haben. Dann hat auf der anderen Seite jemand mit Limit Orders alles aufgenommen. Diesen Vorgang nennt man Absorption.
Bid- und Ask-Volumen brauchen Kontext
Hinter jeder Seite können zwei verschiedene Akteure stehen. Auf dem Bid trifft ein Market Seller auf einen Limit Buyer, auf dem Ask ein Market Buyer auf einen Limit Seller. Die Zahl im Footprint sagt also, dass gehandelt wurde, aber nicht, wer am Ende gewinnt.
Den Unterschied macht der Kontext. Wird auf dem Ask sehr viel gehandelt, sind das Market Buys. Steigt der Markt danach nicht weiter, haben diese Market Buys nichts bewegt. Dann sind offenbar die Limit Seller im Vorteil. Market Orders bewegen den Markt tatsächlich, Limit Orders nur indirekt. Viel Volumen ohne Preisbewegung zeigt, dass die passive Seite gewinnt.
Imbalance: wenn aktive Orders dominieren
Eine Imbalance entsteht, wenn auf einer Preisstufe eine Seite die andere klar dominiert. Verglichen wird dabei schräg, wie oben beschrieben. Viele Plattformen markieren eine Stufe, sobald eine Seite mindestens das Dreifache der anderen erreicht.
| Preis | Bid | Ask |
|---|---|---|
| 6.013,25 | 41 | 118 |
| 6.013,00 | 50 | 264 |
| 6.012,75 | 9 | 331 |
| 6.012,50 | 12 | 297 |
| 6.012,25 | 58 | 40 |
Schräg gelesen stehen hier 264 Käufe gegen 9 Verkäufe, 331 gegen 12 und 297 gegen 58. Drei Stufen in Folge sind deutlich einseitig. Man spricht von einer gestapelten Imbalance.
Imbalance
Drei einseitige Stufen in Folge
Eine einzelne Stufe kann Zufall sein. Drei oder mehr Stufen in Folge zeigen, dass die Käufer über eine ganze Strecke ohne nennenswerte Gegenwehr gekauft und den Preis regelrecht vor sich hergeschoben haben. Solche Bereiche werden später oft wieder wichtig.
Iceberg: versteckte Limit Orders
Eine Iceberg Order ist eine große Limit Order, von der nur ein kleiner Teil im Orderbuch steht. Wird dieser Teil gehandelt, legt die Software automatisch die nächste Portion nach.
Der Grund ist einfach: Wer seine volle Größe zeigt, lädt andere ein, sich davorzustellen oder dagegen zu handeln. Mit einer Iceberg Order bleibt die wahre Menge verborgen, und der große Marktteilnehmer kann in Ruhe aufnehmen, was der Markt ihm anbietet.
Erkennbar wird ein Iceberg erst im Zusammenspiel von Orderbuch und Footprint. Im Orderbuch steht auf einem Preis immer wieder dieselbe kleine Zahl, im Footprint wächst das Volumen auf genau diesem Preis aber weit darüber hinaus. Ein Beispiel: Auf dem Ask bei 6.020,50 lagen nie mehr als 40 Kontrakte im Buch, gekauft wurden dort 1.180, und der Preis hielt. Hält der Preis dabei, hat der Iceberg alles aufgenommen. Bricht er, ist das ein starkes Signal in die Gegenrichtung.
Iceberg Order
Wenig sichtbar, viel gehandelt
Alles kommt zusammen
Orderbuch und Heatmap zeigen, was im Markt wartet, Times & Sales, was tatsächlich gehandelt wurde. Footprint, Volumen und Delta fassen es im Chart zusammen. Imbalance und Iceberg sind die beiden Extreme: auf der einen Seite aggressive Orders, die den Preis vor sich herschieben, auf der anderen eine verborgene passive Order, die alles aufnimmt. Keines dieser Werkzeuge ist für sich ein Signal. Erst an den richtigen Stellen im Chart zeigen sie, wo große Marktteilnehmer handeln.
Zusammengefasst
Der Footprint-Chart zeigt für jede Preisstufe einer Kerze, wie viel aktiv auf dem Bid verkauft und aktiv auf dem Ask gekauft wurde. Weil Bid und Ask einen Tick auseinanderliegen, vergleicht man schräg: den Ask einer Stufe mit dem Bid der Stufe darunter. Volumen zeigt das Interesse, Delta die aggressivere Seite, doch erst der Kontext entscheidet, wer gewinnt. Viel Volumen ohne Preisbewegung spricht für die passive Seite. Eine gestapelte Imbalance zeigt aggressive Orders über mehrere Stufen, ein Iceberg eine große versteckte Limit Order, die mehr aufnimmt, als das Orderbuch zeigt.
Quellen: BECRO Ausbildung, Grundlagen des professionellen Börsenhandels. Dieser Beitrag dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken.


